Der Wunschring


Ein Märchen von Richard Volkmann-Leander (1830-1889) - Chirurg, Lehrer, und Literat

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Ein junger Bauer, mit dem es in der Wirtschaft nicht recht vorwärtsgehen
wollte, saß auf seinem Pfluge und ruhte einen Augenblick aus, um sich
den Schweiß vom Angesichte zu wischen. Da kam eine alte Hexe vorbei-
geschlichen und rief ihm zu: "Was plagst du dich und bringst's doch zu
nichts? Geh zwei Tage lang geradeaus, bis du an eine große Tanne
kommst, die frei im Walde steht und alle anderen Bäume überragt. Wenn
du sie umschlägst, ist dein Glück gemacht.

Der Bauer ließ sich das nicht zweimal sagen, nahm sein Beil und machte
sich auf den Weg. Nach zwei Tagen fand er die Tanne. Er ging sofort
daran, sie zu fällen, und in dem Augenblick, wo sie umstürzte und mit
Gewalt auf den Boden schlug, fiel aus ihrem höchsten Wipfel ein Nest mit
zwei Eiern heraus. Die Eier rollten auf den Boden und zerbrachen, und
wie sie zerbrachen, kam aus dem einen Ei ein junger Adler heraus, und
aus dem andern fiel ein kleiner goldner Ring. Der Adler wuchs zusehens,
bis er wohl halbe Manneshöhe hatte, schüttelte seine Flügel, als wollte er
sie probieren, erhob sich etwas über die Erde und rief dann:
"Du hast mich erlöst! Nimm zum Dank den Ring, der in dem anderen
Ei gewesen ist! Es ist ein Wunschring. Wenn du ihn am Finger umdrehst
und dabei einen Wunsch aussprichst, wird er alsbald in Erfüllung gehen.
Aber es ist nur ein einziger Wunsch im Ring. Ist der getan, so hat der
Ring alle weitere Kraft verloren und ist nur wie ein gewöhnlicher Ring.
Darum überlege dir wohl, was du dir wünschst, auf daß es dich nicht nach-
her gereue."
Darauf hob sich der Adler hoch in die Luft, schwebte lange noch in
großen Kreisen über dem Haupte des Bauern und schoß dann wie ein
Pfeil nach Morgen.

Der Bauer nahm den Ring, steckte ihn an den Finger und begab sich auf
den Heimweg. Als es Abend war, langte er in einer Stadt an; da stand
der Goldschmied im Laden und hatte viel köstliche Ringe feil. Da zeigte
ihm der Bauer seinen Ring und fragte ihn, was er wohl wert wäre. "Einen
Pappenstiel!" versetzte der Goldschmied. Da lachte der Bauer laut auf
und erzählte ihm, daß es ein Wunschring sei und mehr wert als alle Ringe
zusammen, die jener feilhielte. Doch der Goldschmied war ein falscher,
ränkevoller Mann. Er lud den Bauern ein, über Nacht bei ihm zu bleiben,

und sagte: "Einen Mann wie dich mit solchem Kleinode zu beherbergen,
bringt Glück; bleibe bei mir!". Er bewirtete ihn aufs schönste mit Wein und
glatten Worten, und als er nachts schlief, zog er ihm unbemerkt den Ring
vom Finger und steckte ihm statt dessen einen ganz gleichen, gewöhn-
lichen Ring an.
Am nächsten Morgen konnte es der Goldschmied kaum erwarten, daß
der Bauer aufbräche. Er weckte ihn schon in der frühesten Morgenstunde
und sprach: "Du hast noch einen weiten Weg vor dir. Es ist besser, wenn
du dich früh aufmachst."
Sobald der Bauer fort war, ging er eiligst in seine Stube, schloß die
Läden, damit niemand etwas sähe, riegelte dann auch noch die Tür hinter
sich zu, stellte sich mitten in die Stube, drehte den Ring um und rief: "Ich
will gleich hunderttausend Taler haben."
Kaum hatter er dies gesprochen, so fing es an, Taler zu regnen, harte,
blanke Taler, als wenn es mit Mulden gösse, und die Taler schlugen ihm
auf Kopf, Schultern und Arme. Er ging an, kläglich zu schreien, und wollte
zur Türe springen, doch ehe er sie erreichen und aufriegeln konnte, stürzte
er, am ganzen Leibe blutend, zu Boden. Aber das Talerregnen nahm kein
Ende, und bald brach von der Last die Diele zusammen, und der Gold-
schmied mitsamt dem Gelde stürzte in den tiefen Keller. Darauf regnete
es immer weiter, bis die hunderttausend voll waren, und zuletzt lag der
Goldschmied tot im Keller, und auf ihm das viele Geld. Von dem Lärm
kamen die Nachbarn herbeigeeilt, und als sie den Goldschmied tot unter
dem Gelde liegen fanden, sprachen sie: "Es ist doch ein großes Unglück,
wenn der Segen so knüppeldick kommt." Darauf kamen auch die Erben
und teilten.

Unterdes ging der Bauer vergnügt nach Hause und zeigte seiner Frau
den Ring. "Nun kann es uns gar nicht fehlen, liebe Frau", sagte er. "Unser



Bild: Das Bauernehepaar in seiner Stube, der Bauer zeigt seiner Frau den vermeintlichen Wunschring



Glück ist gemacht. Wir wollen uns nur recht überlegen, was wir uns wün-
schen wollen."
Doch die Frau wußte gleich guten Rat. "Was meinst du", sagte sie,
"wenn wir uns noch etwas Acker wünschten? Wir haben gar so wenig.
Da reicht so ein Zwickel gerade zwischen unsere Äcker hinein; den wollen
wir uns wünschen."
"Du bist nicht gescheit", erwiderte der Mann. "Wenn wir ein Jahr lang
tüchtig arbeiten und etwas Glück haben, könnten wir ihn uns vielleicht
kaufen." Darauf arbeiteten Mann und Frau ein Jahr lang mit aller An-
strengung, und die Ernte war noch nie so reich wie dieses Mal, so daß sie
sich den Zwickel kaufen konnten und noch ein Stück Geld übrigblieb.
"Siehst du!", sagte der Mann, "wir haben den Zwickel, und der Wunsch
ist immer noch frei."
Da meinte die Frau, es wäre wohl gut, wenn sie sich noch eine Kuh
wünschten und ein Pferd dazu. "Frau", entgegnete abermals der Mann,
indem er mit dem übriggebliebenen Gelde in der Hosentasche klapperte,
"was wollen wir wegen solch einer Lumperei unsern Wunsch vergeben.
Die Kuh und das Pferd kriegen wir auch so."

Und richtig, nach abermals einem Jahr waren die Kuh und das Pferd
reichlich verdient. Da rieb sich der Mann vergnügt die Hände und sagte:
"Wieder ein Jahr den Wunsch gespart und doch alles bekommen, was
man sich wünschte. Was wir für ein Glück haben!". Doch die Frau redete
ihrem Manne ernsthaft zu, endlich einmal an den Wunsch zu gehen.
"Ich kenne dich gar nicht wieder", versetzte sie ärgerlich. "Früher hast
du immer geklagt und dir alles mögliche gewünscht, und jetzt, wo du's
haben kannst, wie du's willst, plagst und schindest du dich, bist mit allem
zufrieden und läßt die schönsten Jahre vergehen. König, Kaiser, Graf,
ein großer, dicker Bauer könntest du sein, alle Truhen voll Geld haben -
und kannst dich nicht entschließen, was du wählen willst."
"Laß doch dein ewiges Drängen und Treiben", erwiderte der Bauer.
"Wir beide sind noch jung, und das Leben ist lang. E i n Wunsch ist nur
in dem Ringe, und der ist bald vertan. Wer weiß, was uns noch einmal
zustößt, wo wir den Ring brauchen. Fehlt es uns denn an etwas? Sind wir
nicht, seit wir den Ring haben, schon so heraufgekommen, daß sich alle
Welt wundert? Also sei verständig. Du kannst dir ja mittlerweile immer
überlegen, was wir uns wünschen könnten."

Damit hatte die Sache vorläufig ein Ende. Und es war wirklich so, als
wenn mit dem Ringe der volle Segen ins Haus gekommen wäre, denn
Scheune und Kammern wurden von Jahr zu Jahr voller und voller, und
nach einer längeren Reihe von Jahren war aus dem kleinen, armen Bauern
ein großer, dicker Bauer geworden, der den Tag über mit den Knechten
schaffte und arbeitete, als wollte er die ganze Welt verdienen, nach der
Vesper aber behäbig und zufrieden vor der Haustüre saß und sich von
den Leuten guten Abend wünschen ließ.

So verging Jahr um Jahr. Dann und wann, wenn sie ganz allein waren
und niemand es hörte, erinnerte zwar die Frau ihren Mann immer noch an
den Ring und machte ihm allerhand Vorschläge. Da er aber jedesmal er-
widerte, es habe noch vollauf Zeit, und das Beste falle einem stets zuletzt
ein, so tat sie es immer seltener, und zuletzt kam es kaum noch vor, daß
auch nur von dem Ring gesprochen wurde. Zwar der Bauer selbst drehte
den Ring täglich wohl zwanzigmal am Finger und besah ihn sich, aber er
hütete sich, einen Wunsch dabei auszusprechen.

Und dreißig und vierzig Jahre vergingen, und der Bauer und seine Frau
waren alt und schneeweiß geworden, der Wunsch aber war immer noch
nicht getan. Da erwies ihnen Gott eine Gnade und ließ sie beide in einer
Nacht selig sterben.
Kinder und Kindeskinder standen um ihre beiden Särge und weinten,
und als eines von ihnen den Ring abziehen und aufheben wollte, sagte
der älteste Sohn:
"Laß den Vater seinen Ring mit ins Grab nehmen. Er hat sein Lebtag
seine Heimlichkeit mit ihm gehabt. Es ist wohl ein liebes Andenken. Und
die Mutter besah sich den Ring auch so oft; am Ende hat sie ihn dem Vater
in ihren jungen Tagen geschenkt."

So wurde denn der alte Bauer mit dem Ringe begraben, der ein
Wunschring sein sollte und keiner war und doch so viel Glück ins Haus
gebracht hatte, als ein Mensch sich nur wünschen kann. Denn es ist eine
eigene Sache mit dem, was richtig und was falsch ist; und schlecht Ding
in guter Hand ist immer noch viel mehr wert als gut Ding in schlechter.


Bild: Der alte, sitzende, weißgewordene Bauer, seinen Ring versonnen betrachtend





Version: 25.10.2013